Text aus "Die Stille ist ein Geräusch"
18.04.2006

In freudiger Erwartung auf die nächste Reise nach Sarajevo fand ich folgenden Text im Buch "Die Stille ist ein Geräusch" von Juli Zeh. Sarajevo wird in diesem Textauszug so wunderbarbeschrieben, wie es wirklich ist! Danke Juli Zeh!

"Sarajevo, blinde Kühe. Fünf Menschen mindestens will ich hinbringen. Mit verbundenen Augen, versteht sich. Einen platziere ich in Bascarsija, inmitten der türkischen Altstadt, dass ihm die Tauben um die Füße rascheln und der Gesang der Muezzins den Kopf ausräumt. Den nächsten setzte ich dreihundert Meter weiter ab, in der Fußgängerzone vor der Kathedrale, wo sich alles trifft, wo er hin und her geschoben wird von wartenden, rauchenden, lachenden Menschen, angefallen von den Parfumwolken der Mädchen. Noch fünfhundert Meter in westlicher Richtung lehne ich den dritten an die Steinbrüstung der Autobrücke, seine Vorderseite dem leerstehenden Kulturklotz Skenderija zugewandt. Vorbeirumpelden LKWs und kreischende Straßenbahnen schütteln ihn, dass er sich nicht zu rühren wagt, der Fluß atmet ihn schwül an aus nächster Nähe, dass ihm das Luftholen zur sportlichen Übung wird. Den vierten schließlich bringe ich eine halbe Autostunde aus der Stadt hinaus, stelle ihn auf dem Berg Hadzici zwischen die Obstbäume eines kleinen Grundstücks mit Holzhäuschen und wackliger Sitzbank in den Halbschatten, und er legt den Kopf in den Nacken und wendet das Gesicht dem lautesten Vogel zu.

Dann nehme ich ihnen allen die Augenbinden ab: Wo sind wir?
Der Erste, neben dem achteckigen Brunnen Sebilj, umgeben von Lederwaren, beschlagenem Silber und Süßigkeiten in ungenießbaren Farben er ruft aus: Istanbul! Wie schön! Diese Gerüche der orientalischen Märkte, als würde man den Kopf in ein Gewürzfass stecken!
Der Zweite, ein wenig enttäuscht womöglich: Ach Wien, wenn überhaupt erträgst du es nur im Mai. Dann, stutzend, sich auf die fremde Sprache besinnend, der er schon eine Weile gelauscht hat: Oder nein, es ist Budapest! Österreich-Ungarn sieht doch überall gleich aus.
Die Augenbinde vor den Mund gepresst, keucht der Dritte: Wenn ich eins nicht leiden kann, ist es stalinistische Architektur, diese abgasschwarzen, martialischen Brocken, deshalb hasse ich Warschau, es ist...- Den Rest schluckt der Lärm der nächsten Straßenbahn.
Und der Vierte, angenommen, es wäre ein wirklich sonniger Tag, richtet den Blick über das Tal und ruft: Da sage einer, Deutschland besitze keine schönen Landschaften! Die schroffen Gipfel, davor der saftige Wald, unten leuchtet ein grüner Fluß man braucht nur in die sächsische Schweiz zu fahren, die reinste Idylle! Und er lässt sich niedersinken zwischen Wildblumen, deren Namen er nicht kennt.
Das alles, es wäre nichts. Hätte ich den Fünften nicht an den Rand von Sniper Alley gestellt, neben das erst zerschossene, dann gesprengte, dann verbrannte ehemalige Hauptgebäude der Zeitung Oslobodenje, in dessen Keller die Redakteure schrieben und schrieben und setzten und druckten und täglich mit Zeitungsstapeln im Arm aus dem brennenden Gebäude und in die Stadt zu rennen.
Erst der Fünfte, als einziger, er sagt leise: Ach herrje, ich bin in Sarajevo."

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